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Deutscher Volkshochschulverband

"Demokratie erleben"

Bettina Krauß und Sedat Cakir berichten über das Projekt "Demokratie erleben" der Kreisvolkshochschule Groß-Gerau. Das Projekt stärkt das demokratische Bewusstsein der Teilnehmenden. Auch eine Fortbildung zum Dialog-Moderator oder zur Dialog-Moderatorin ist Teil des Projekts.

Ein Filmteam des Projektes "Demokratie erleben" hielt 2017 Erfolgsgeschichten der Demokratie mit der Kamera fest.

Von Bettina Krauß und Sedat Cakir

Begonnen als Integrationsprojekt mit Exkursionen und Filmbeiträgen zum Grundgesetz, hat sich das Projekt „Demokratie erleben“ an der Kreisvolkshochschule Groß-Gerau nach bald drei Jahren Laufzeit (7/2016 –6/2019) zu einem Ort des Austauschs über gemeinsame Identität zwischen Neuzugewanderten und Einheimischen entwickelt: Demokratisches Handeln fördern. Dialoge selbstbewusst führen. Das Zusammenleben im Kreis Groß-Gerau respektvoll gestalten.

Ein Drehbuch für Demokratie erstellen

Yara Berro klappt ihren Laptop zu. Die syrische Studentin hat ein auf Arabisch geführtes Interview mit ihrem Vater übersetzt und die wichtigsten Stellen herausgefiltert. Es ist vielleicht nur ein kleines Puzzleteil in einer filmischen Erzählung über die Demokratiebewegung, aber ein aussagekräftiges: „Die Werte der Französischen Revolution haben wir in Syrien nicht lange erlebt. Entweder haben fremde Mächte diktatorisch regiert oder archaische Clans. Zudem wirkten zunehmend religiöse Einflüsse auf die Staatsführung, sodass Werte wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit es wirklich schwer hatten.“

Die Projektgruppe, in der Yara Berro im Rahmen des Projekts „Demokratie erleben“ an der Kreisvolkshochschule Groß-Gerau mitarbeitet, wird diese Worte in einen neuen Film einbauen, der auf den Erkenntnissen des Vorläufers „Hambacher Schloss: Schwarz – Rot – Gold“ aufbaut, nun aber die Perspektive wechselt. Diesmal wird im Film nach den Demokratie-Erfahrungen von Zugewanderten gefragt: Wo haben Sie von Bewegungen gehört oder selbst welche erlebt, in denen das Volk für seine Freiheit aufgestanden ist? Was können Sie selbst tun, um in Ihrem Umfeld für die Grundrechte einzustehen? Was bedeutet eigentlich Gleichheit vor dem Gesetz? Und wie übernehmen wir die Verantwortung für unser Tun?

Unter dem Titel „Wie heißt dein Hambacher Schloss?“ werden Erfolgsgeschichten der Demokratie zusammengetragen. Das Filmteam hält Statements der Kursteilnehmenden aus Argentinien, Kuba, Syrien oder der Türkei mit der Kamera fest. „Für mich war es interessant, dass auch andere Länder Unterdrückung erfahren haben, sich aber immer wieder dagegen erhoben haben, bis sie ihre Freiheit erhielten“, schildert Yara Berro ihren Eindruck.

Dialogmoderatoren begleiten demokratische Kommunikationsprozesse

Fragen zu demokratischer Haltung in unserem Alltagsleben und wie wir sie verstärken können, spielen auch eine wichtige Rolle in der Fortbildung für „Dialogmoderator*innen Demokratie“, der zweiten Säule des Demokratie-Projekts. In fünf Tages-Workshops lernen die Teilnehmenden inhaltliche Methoden und Moderationstechniken, um eine wertschätzende Diskussion anzuregen und zum Ergebnis zu führen. Referent ist Sedat Cakir.

Schon während der Fortbildung lernen die zukünftigen Moderatorinnen und Moderatoren in Praxiseinsätzen, das Gelernte anzuwenden. Die selbstgedrehten Filme – inzwischen gibt es sieben davon – dienen in Integrationskursen als Ausgangspunkt zum Dialog. Mehrfach fühlen sich die Teilnehmenden der Orientierungskurse überfordert und verunsichert bei der Aufforderung, sich als „mündiger Bürger“ oder „mündige Bürgerin“ zu verhalten. Wieder andere reagieren begeistert auf solch eine direkte Möglichkeit, sich an politischen Diskussionen zu beteiligen.

Widerstände überwinden – Offenheit für Dialoge über Demokratie fördern
Im Laufe des Projekts wurde deutlich, dass die Bereitschaft, sich in einen respektvollen Dialog einzubringen, bei den meisten Kursteilnehmenden der Integrationskurse zunächst sehr gering war. Sie kamen aus Kriegsgebieten oder aus Ländern, wo Autokraten und Diktatoren seit Jahrzehnten regierten. Eine offene Diskussion über demokratisches Handeln und die Bedeutung der Artikel im Grundgesetz für das Zusammenleben war ihnen daher sehr fremd. Ein Teilnehmer aus Äthiopien brachte es auf den Punkt. „Bei der früheren Regierung war es verboten, seine Meinung zu sagen, bei der jetzigen Regierung darfst du deine Meinung sagen, wirst aber dafür sofort bestraft“. Wir stellten fest, dass die Teilnehmenden drei verschiedene Haltungen einnahmen:

  • Gegnerinnen und Gegner und Verhinderer von Dialogen zum Thema Demokratie (ca. 5 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer)
  • Kritische und offene Teilnehmende mit Fragen und eigenen Meinungen (ca. 30 Prozent)
  • Ängstliche und verunsicherte Teilnehmende, die sich einer öffentlichen Diskussion zu Themen der Demokratie nicht anschlossen (ca. 65 Prozent)

Diese Beobachtung führte zu einer kreativen und interkulturellen Ergänzung des Methodenpools (Einstiegsübungen) und zu einem Zusatztraining für unsere Dialogmoderatorinnen und -moderatoren. Darin sollten sie lernen, mit Blockierern umzugehen und Ängstliche zur Teilnahme zu motivieren. Eine weitere Herausforderung, die wir erst durch den Einsatz in den Integrationskursen präzisieren konnten, ist die sinnvolle Einbindung der Film- und Gesprächsthemen in das Curriculum und die Abstimmung mit den Lehrkräften. In Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Sprachen und Grundbildung wird der Einsatz fortan für alle Orientierungskurse der kvhs eingeplant: Die Lehrkräfte buchen die Dialogmoderatoren über den Fachbereich Politische Bildung und stimmen deren Einsatz inhaltlich so ab, dass im weiteren Kursverlauf eine Fortsetzung und eigenständige Weiterführung durch die Lehrkraft erfolgen kann.

Öffentliche Diskussionsrunden bereichern den Diskurs in Groß-Gerau

Regelmäßig veranstaltet die Kreisvolkshochschule auch öffentliche Diskussionsrunden zum Thema Demokratie, wie zum Beispiel am Tag des Grundgesetzes, dem 23. Mai 2018. Im Rahmen eines „Democracy Slams“ trugen drei Dialogmoderator*innen unterschiedliche Aussagen aus der Projektarbeit vor, zu Themen wie Heimat und Identität, zur freien Entfaltung der Persönlichkeit und Meinungsfreiheit. Die Zuschauer*innen wurden aufgefordert, über ein Voting Stellung zu beziehen. Yara Berro erläutert die Arbeitsweise: „Und am Ende haben wir wieder einige Meinungen mit der Kamera festhalten können – frisches Material für einen Film, den wir gerade fertig stellen.“

Der Internationale Frauentag oder die Feier des Tags des Grundgesetzes sind wichtige Anlässe, die der Fachbereich Politische Bildung der kvhs gerne nutzt, um auch nach Projektende im offenen Angebot der Politischen Bildung Diskussionen kontrovers weiter zu führen.

Sedat Cakir ist Organisationsberater (eucon) und Coach und leitete bis 2015 das Büro für Integration im Kreis Groß-Gerau.

Bettina Krauß ist Kulturwissenschaftlerin und Fachbereichsleiterin für Politische Bildung an der kvhs Groß-Gerau.

Infos

Das Projekt „Demokratie erleben“ wird vom Bundesministerium des Innern gefördert und vom lokalen Netzwerk gegen Rechtsextremismus und Rassismus des Kreises Groß-Gerau aktiv unterstützt.

Anknüpfungspunkte für andere Demokratie-Projekte oder die politische Bildungsarbeit:

In Zusammenarbeit mit anderen Volkshochschulen, Bildungsträgern und in der Region ansässigen Vereinen sollen die Erkenntnisse aus dem Projekt weiteren Zielgruppen zugänglich gemacht werden:

Sieben selbst produzierte Filme mit Interviews und offenen Fragen am Schluss dienen als Anlass zu einem Gespräch: über Themen rund um das Grundgesetz, über Höhen und Tiefen der Demokratie, die Würde der Frau, den oder die „mündige Bürger*in“ und das Ehrenamt. Weitere Filme sind in Planung und werden in Zusammenarbeit mit Vereinen und anderen Initiativen erstellt. Die Filme und die Übungen, die in den Dialogrunden eingesetzt wurden, können bei der kvhs kostenlos angefordert werden.

Fortbildung „Dialogmoderator*in Demokratie“ mit Praxiseinsätzen in Orientierungskursen der kvhs (Film und moderiertes Gespräch) oder bei anderen Volkshochschulen, Bildungsträgern oder Vereinen, vermittelt durch den Fachbereich Politische Bildung der kvhs Groß-Gerau (Kontakt: Tel.: 06152 - 1870-101, bettina.krausskvhsggde). Eine zweite Fortbildungsrunde ist im Januar 2019 gestartet, weitere sind in Planung.

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

  • Hassan Houseini

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