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Deutscher Volkshochschul-Verband

„Mit den Köpfen der Unternehmen denken“

Das Grundbildungszentrum an der Volkshochschule Wiesbaden, von 2016–2019 anteilig durch das Land Hessen und den ESF gefördert, entwickelt gemeinsam mit Partnern innovative Angebote. Einen Schwerpunkt bildet die arbeitsplatzbezogene Grundbildung.

Eine Kooperation mit dem Unternehmen Entsorgungsbetriebe der Landeshauptstadt Wiesbaden (ELW) läuft sehr vielversprechend an. vhs-Direktor Dr. ­Philipp ­Salamon-Menger und der Projektleiter des Grundbildungszentrums, Martin-Rüdiger Noack, erläutern im Gespräch die Ansätze ihrer Grundbildungsarbeit. Frank Fischer, Pressesprecher der Entsorgungsbetriebe der Stadt Wiesbaden (ELW), und die beiden Mentorinnen Sabine Mandutz und Maria Bren­necke berichten vom betrieblichen Engagement.

Unsere Gesprächspartner Martin-Rüdiger Noack, Projektleiter des Wiesbadener Grundbildungszentrums (l.) und der Direktor der dortigen vhs, Dr. Philipp Salamon-Menger.

Welchen Stellenwert hat Grundbildung an der vhs Wiesbaden?

Salamon-Mengers: Grundbildung ist für uns nicht ein Projekt, das in ein paar Jahren abgeschlossen sein wird, sondern ein Querschnittsthema und eine Herzensangelegenheit. Herr Noack als Leiter des Grundbildungszentrums wird im Haus in alle Planungsprozesse eingebunden, die interne Vernetzung ist uns sehr wichtig. Wir tragen das Thema auch in die Öffentlichkeit und zu politischen Entscheidungsträgern.

In Ihrem Projekt „Fit für den Beruf“ geht es um arbeitsplatzbezogene Grundbildung. Wie kam es zur Kooperation mit den ELW?

Noack: In der leo. – Level-One Studie wurde ja deutlich, dass in bestimmten Berufsgruppen häufiger Menschen mit Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben tätig sind, so genannte funktionale Analphabeten. Dies sind Menschen, die praktisch arbeiten, etwa auf Baustellen, als Maschinenführer, im Reinigungsbereich, in Entsorgungsbetrieben oder der Grünflächenpflege. Insofern liegt es nahe, mit Arbeitgebern zusammenzuarbeiten, die ein Interesse daran haben, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fortzubilden.

Salamon-Menger: Es ist wichtig, von Beginn an die Leitungsebene als 100%ig überzeugten Partner mit im Boot zu haben. Gleichzeitig muss man aber auch mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sprechen und sie überzeugen, zum Beispiel über den Betriebs- oder Personalrat. Das Anliegen und die Hintergründe müssen erläutert und Bedürfnisse der Mitarbeitenden bedacht werden, so dass das Angebot nicht als etwas empfunden wird, das „von oben“ aufgezwungen wird.

Wie kann man Unternehmensleitungen von Grundbildung überzeugen?

Salamon-Menger: Man muss mit den Köpfen der Unternehmen denken, sich in ihre Lage versetzen. Welche Interessen haben sie? Es gibt eine Reihe von Vorteilen, die Weiterbildungsangebote für Mitarbeitende mit geringerem Bildungsstand mit sich bringen: zum Beispiel höhere Zufriedenheit der Mitarbeiter, sinkender Krankenstand, höhere Arbeitssicherheit, Nachqualifizierung in einer sich verändernden Arbeitswelt.

Was hat die ELW bewogen, sich in Sachen Grundbildung zu engagieren?

Fischer: Wir wollen ein attraktiver Arbeitgeber sein, bei dem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerne arbeiten, sich wohlfühlen und Verantwortung übernehmen. Daher wollen wir allen Beschäftigten Angebote zur Weiterbildung machen, auch in niedrigeren Gehaltsstufen.
Die Arbeitswelt verändert sich ständig, daran müssen wir uns anpassen. Viele Tätigkeiten im operativen Geschäft, bei denen es früher kaum nötig war, viel zu lesen oder zu schreiben, haben sich gewandelt. Heute gibt es mehr Pflichten zur Dokumentation, außerdem Informationen per E-Mail oder WhatsApp, auf die geantwortet werden muss. Dafür wollen wir alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fit machen.

Können Sie Beispiele für Veränderungen in der Arbeitswelt geben?

Fischer: Wir hatten zum Beispiel vor ein paar Jahren eine große Umstellung im Lagerbereich. Mehrere Lager wurden zusammengefasst. Wir haben viele langjährige Mitarbeiter, die seit 20 Jahren oder länger dabei sind und genau wussten, wo sich im Lager was befand. Mit der Umstellung gingen eine stärkere Verschriftlichung der Informationen und Dokumentationspflichten einher. Für Menschen mit Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben wäre das ein echtes Problem. Diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ihrem Wissen und Können würden wir jedoch nicht verlieren wollen.

Oder nehmen wir die Straßenreinigung. Die neueren Streufahrzeuge für den Winterdienst sind technisch sehr ausgefeilt. Es gibt zwar praktische Einweisungen in die Fahrzeuge, aber man fährt sie ja nicht täglich und vergisst auch mal etwas. Für Mitarbeiter, die gut lesen können, ist das kein Problem, sie lesen im Handbuch nach, wie das Fahrzeug zu bedienen ist. Für jene mit Schwierigkeiten beim Lesen ist das nicht so einfach. Wir möchten Fortbildungsangebote machen, die ihnen in ihrem Berufsalltag helfen.

Welche Angebote gibt es konkret?

Fischer: Zum einen ist uns die Sensibilisierung aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für das Thema Grundbildung wichtig, von der Leitungs- bis zur Abteilungsebene. Dies tun wir zum Beispiel in Gesprächen, mit Flyern, Infos auf unseren digitalen schwarzen Brettern oder einem Artikel in der Mitarbeiterzeitung. In Kooperation mit der VHS und dem MENTO-Programm des DGB-Bildungswerkes sind drei unserer Mitarbeiterinnen zu Mentorinnen ausgebildet worden. Sie sind nun Ansprechpartnerinnen für alle Mitarbeitenden. Zum anderen finanzieren wir Kollegen die Teilnahme an Grundbildungskursen. An der Volkshochschule wurde ein Kurs eigens für unsere Beschäftigten eingerichtet, sie können aber auch an anderen Grundbildungskursen der vhs teilnehmen.

Wie könnten Sie Beschäftigte erfolgreich ansprechen?

Fischer: Wir haben gemeinsam mit den Mentorinnen und der vhs einen Flyer entwickelt mit dem Motto: „Wir sind fit für den Beruf. Grund: Bildung“. Bewusst werden hier Begriffe wie „Alphabetisierung“ oder „Lesen und Schreiben lernen“ vermieden, um Berührungsängsten zu begegnen und niemanden zu diskreditieren nach dem Motto: „Du kannst das nicht? Hier kannst du es lernen“. Es geht eher darum, solche Fähigkeiten zu verbessern, die man für die Arbeit, aber auch im Alltag brauchen kann. Es gibt Angebote für alle Niveaus.

Brennecke: Diesen Flyer haben wir allen Gehaltsabrechnungen beigelegt. Diese werden meist zu Hause, im vertrauten Umfeld, geöffnet. Mögliche Mitwisser, wie zum Beispiel die Ehefrau, werden so gleich mit einbezogen und erfahren über das Angebot, können möglicherweise auch dazu motivieren, den ersten Schritt zu tun.

Sprechen Sie Kolleginnen und Kollegen auch direkt an?

Brennecke: Nein, direkte Einzelansprache erfolgt bisher nicht. Was wir aber getan haben, ist, in die Unterkünfte der Straßenreinigung in den einzelnen Stadtteilen zu fahren und dort mit den Mitarbeitern in der Gruppe zu sprechen. Es gab in einer Runde einen Mitarbeiter, der an einem Kurs teilnimmt und den anderen darüber offen und sehr positiv berichtete.

Noack: An anderer Stelle erzählte der Personalrat aus seiner eigenen Biografie, dass er auch an einem Grammatikkurs teilgenommen habe, als er im Unternehmen vor neuen Aufgaben stand. Das waren Türöffner für das Gespräch. Tatsächlich haben sich nach dieser Runde durch die Straßenreinigungsunterkünfte drei Interessenten bei mir gemeldet. Das ist ein toller Erfolg.

Welche weiteren Aktivitäten sind geplant?

Mandutz: Wir möchten solche Besuche wie in der Straßenreinigung demnächst auch bei den Müllwerken wiederholen.

Fischer: In Kürze erscheint ein Artikel über „Lesen und Schreiben lernen“ in der Mitarbeiterzeitung, um unser Personal zu informieren und zu sensibilisieren und um auf unsere Angebote hinzuweisen. Vielleicht entwickeln wir mal eine Aktion rund um das Lesen, zum Beispiel zum Tag des Buches. Es ist eine Herausforderung, das Thema präsent zu halten und immer wieder aktuelle Anlässe zu finden, um darauf aufmerksam zu machen. |

Dieses Interview entstand im BMBF-geförderten Projekt „AlphaKommunal – Transfer. Kommunale Strategie für Grundbildung“. Die Fragen stellte Katharina Reinhold, freiberufliche Autorin und Redakteurin für Bildungsmedien.

Das Grundbildungszentrum Wiesbaden

Einzige Anbieterin von Grundbildungskursen ist die vhs Wiesbaden e.V. Das Grundbildungszentrum wurde am 21.04.2016 offiziell eröffnet und wird bis Ende 2019 zu je 50 Prozent durch das Land Hessen und den Europäischen Sozialfonds gefördert. Mit Grundbildung beschäftigen sich jedoch zahlreiche Akteure, die im Alphabündnis zusammenarbeiten. Das Büro für kommunale Bildungsprojekte der Stadt Wiesbaden bündelt die städtischen Aktivitäten in diesem Bereich. Weiterhin wurde im Rahmen des Projekts„Bildung integriert“ der Stadt Wiesbaden, das aus Bundes- und EU-Mitteln gefördert wird, ein Fachbeirat ins Leben gerufen, um regelmäßig alle insitutionellen Bildungsakteure an einen Tisch zu holen.

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  • vhs Wiesbaden

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