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Deutscher Volkshochschulverband

Dem Leben eine Wende geben

In Deutschland leben Millionen funktionale Analphabeten. Sie sind besonders bedroht von Erwerbslosigkeit, Armut und sozialer Ausgrenzung. Das Lernhaus der Volkshochschule Berlin-Neukölln ist eine Einrichtung speziell für nachholende Grundbildung. Der Lehrgang "Fit für den Beruf" eröffnet neue Perspektiven.

"Wenn es dort nicht klappt, dann woanders." Tomislav V. ist zuversichtlich. Der 47-Jährige möchte als Busfahrer bei den Berliner Verkehrsbetrieben arbeiten. 2014 scheiterte er im Bewerbungsverfahren. "Das ging total daneben, weil ich nicht lesen und schreiben konnte." "Jetzt", so sagt er, "bin ich soweit". Tomislav V. hat für zweieinhalb Jahre den Lehrgang "Fit für den Beruf" im Lernhaus der Volkshochschule Neukölln besucht. Er ist einer von 66 Teilnehmerinnen und Teilnehmern[1], die seit der Gründung des Lernhauses im Jahr 2013 den Lehrgang durchlaufen haben. Die meisten von ihnen haben auf diesem Wege neue berufliche Perspektiven entwickelt.

Lernhaus mit Schwerpunkt Grundbildung

Das Lernhaus in der Werbellinstraße ist eine Einrichtung speziell für Grundbildung. Alle Angebote dort richten sich an funktionale Analphabeten, also an Menschen, die nicht ausreichend lesen und schreiben können, und deren Grundbildung für eine umfassende gesellschaftliche Teilhabe nicht ausreicht. Viele sind deshalb im Alltag stark eingeschränkt, finden keine Arbeit oder nur gering qualifizierte Jobs, die zum Leben nicht reichen. 2011 hat die Universität Hamburg in der leo. Level-One-Grundbildungsstudie ermittelt, dass bundesweit rund 7,5 Millionen Menschen als funktionale Analphabeten einzustufen sind. Das sind rund 14 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung. In Berlin-Neukölln gehen Schätzungen von etwa 22.000 Betroffenen aus. Neben Lese- und Schreibkompetenz fehlt es vielen auch an Rechenkenntnissen, an EDV-Grundlagen oder an Lern- und Arbeitstechniken. All dies gehört im vhs-Verständnis zur Grundbildung.

Das Lernhaus versteht sich als eine Anlaufstelle der vhs Neukölln mitten im Kiez. Niemand, der nicht lesen und schreiben kann, muss sich dort groß erklären. Viele Betroffene schaffen den Schritt über die Schwelle dennoch nicht aus eigenem Antrieb. Oft braucht es den Zuspruch von Vertrauenspersonen. Das kann der Sozialarbeiter im Nachbarschaftsheim sein oder die Beraterin im JobCenter. Mit diesen Einrichtungen hält das Lernhaus engen Kontakt.

Vielfältige Zugänge

Nikola Amrhein, Leiterin des Programmbereichs Grundbildung an der vhs Neukölln, will Interessierten unterschiedliche Zugänge eröffnen. Wer zunächst unverbindlich einen ersten Eindruck gewinnen möchte, kann das Info-Café besuchen, wo Veranstaltungen in einfacher Sprache zu wechselnden Themen stattfinden. Darüber hinaus gibt es eine Kreativwerkstatt, einen Mal- und einen Fotokurs, "Englisch ohne viel Lesen und Schreiben" oder "Rechnen ganz einfach". Samstags stehen regelmäßig Ausflüge mit Bildungsinhalt auf dem Programm. Es gibt einen Gesprächskreis zu Erziehungsfragen und Alltagsthemen, einen Lese- und einen Vorlese-Club, den Workshop "Glück lernen" und das Lernlabor.

Auch der Vollzeitlehrgang "Fit für den Beruf" ist Teil des Angebots. Der Unterricht findet werktags von 9 Uhr bis 14.30 Uhr statt. Wer daran teilnehmen möchte, muss zumindest in der Lage sein, zweisilbige Wörter zu lesen und zu schreiben. Auch müssen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer so gut Deutsch sprechen und verstehen, dass sie dem Unterricht folgen können. Finanziert wird der Lehrgang zur Hälfte mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds. Der Berliner Senat trägt 35 Prozent der Kosten, die Volkshochschule selbst finanziert den Rest. Dank der öffentlichen Förderung ist die Teilnahme kostenlos. Und freiwillig. Interessierte bewerben sich bei der vhs. Wer einen der 30 Plätze erhält, ist in der Regel hoch motiviert. Kursabbrüche sind laut Nikola Amrhein sehr selten und meist gesundheitlich bedingt. Der Lehrgang läuft kontinuierlich, aufgeteilt in drei Kursgruppen, differenziert nach Kenntnisstand. Ein Einstieg ist jederzeit möglich.

Lernmaterialien des Deutschen Volkshochschul-Verbandes

Gearbeitet wird mit Lernmaterialien des Deutschen Volkshochschul-Verbandes (DVV), entwickelt unter anderem im Projekt "Rahmencurriculum und abschlussorientierte Grundbildung", gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen der Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung. "Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer arbeiten gerne nach einem Buch, um den eigenen Lernfortschritt einschätzen zu können", sagt Nikola Amrhein. Die Teilnahme dauert meist zwei Jahre - eine lange Zeit. Doch die Erfolgsquote zeigt, dass das Konzept aufgeht. 62 Prozent der Lehrgangsabsolventen haben anschließend eine Ausbildung, Weiterbildung oder Umschulung begonnen, 20 Prozent haben einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt gefunden. Nikola Amrhein ist davon überzeugt, dass fast jeder der Teilnehmer das Potenzial hat, seinem Leben eine solche Wende zu geben.

"Berufsvorbereitung ist nur eine Seite des Lehrgangs", erklärt Sabine Pfeiffer, eine der insgesamt sieben Kursleiterinnen. "Die andere Seite ist, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mehr Selbstbewusstsein gewinnen, wenn sie sich vorstellen, dass sie wieder eigenständig für ihren Lebensunterhalt sorgen, nicht mehr auf Transferleistungen angewiesen sind."

Unterstützung des Landes Berlin

Mehr Menschen zu einer eigenständigen Existenzsicherung zu befähigen und so die Sozialausgaben zu senken, liegt auch im Interesse des Landes Berlin. Deshalb unterstützt der Senat das Lernhaus in Neukölln. In diesem Jahr sind dafür 92.600 Euro angesetzt. In Berlin ist es die einzige Einrichtung dieser Art an einer Volkshochschule.

In 18 Städten und Landkreisen, verteilt auf fünf Bundesländer, hat das DVV-Projekt AlphaKommunal seit 2016 die Kommunalverwaltungen in ihrem Engagement für nachholende Grundbildung unterstützt. Das Projekt, ebenfalls gefördert vom Bundesbildungsministerium, launcht zum Weltalphabetisierungstag am 8. September 2018 die neue Webseite grundbildung-planen.de. Kommunale Bildungsverantwortliche finden dort unter anderem Checklisten, Argumentationshilfen und Leitfäden für die strategische Grundbildungsplanung. Sie zielt darauf ab, funktionalen Analphabetismus abzubauen und Betroffene für entsprechende Kurse der Volkshochschulen vor Ort zu gewinnen.

AlphaKommunal hat Fortbildungen organisiert, damit beispielsweise Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Bürgerämtern erkennen, wenn ihr Gegenüber nicht ausreichend lesen und schreiben kann. Und damit sie in der Lage sind, mit der nötigen Sensibilität auf passende Weiterbildungsangebote hinzuweisen. Ergänzend wirkt das BMBF-geförderte Projekt Grubin (Grundbildung für die berufliche Integration) des Deutschen Volkshochschul-Verbandes darauf hin, die Kooperation zwischen Volkshochschulen, den Hauptanbietern von Alphabetisierungs- und Grundbildungsangeboten, und Trägern der Arbeitsförderung zu intensivieren. Denn Forschungen belegen: Funktionale Analphabeten sind in Maßnahmen der Grundsicherung und Arbeitsförderung besonders stark vertreten. Ihr Anteil an der erwerbslosen Bevölkerung ist mehr als doppelt so hoch wie an der Gesamtbevölkerung oder an der Gruppe der Erwerbstätigen. Rund 36 Prozent der ALG-Bezieherinnen und -Bezieher fehlt es an Schriftsprachkenntnissen. Grubin hat spezielles Lernmaterial für das Lesen- und Schreibenlernen in der Beschäftigungsförderung entwickelt.

vhs-Lernportal ergänzt den Kurs

Dieses Material kommt im Lernhaus in Neukölln gut an, so wie auch die Kurzdiagnostik des DVV. Sie wird im Lehrgang genutzt, um die Kenntnisse der Lehrgangsteilnehmerinnen und -teilnehmer zu ermitteln und auch, um alle sechs Monate den Lernfortschritt zu messen. Dozentin Sabine Pfeiffer gefällt, dass die Testergebnisse so gut nachvollziehbar sind. Denn die Lernenden sollen wissen, wo sie stehen, Verantwortung für ihren Lernprozess übernehmen. Individuell können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusätzlich die branchenspezifischen Lernmaterialien des DVV verwenden, beispielsweise für die Bereiche Altenpflege, Metallverarbeitung, Hotel- und Gaststättengewerbe oder Bau - allesamt entwickelt vom Projekt Rahmencurriculum.

Selbstgesteuertes Lernen im Bereich Grundbildung ist auch mit Hilfe des Internets möglich. Mit dem vhs-Lernportal sind Online-Lernangebote zum Schreiben, Lesen und Rechnen auf allen Endgeräten, auch auf Smartphones, nutzbar. Im Lernlabor des Lernhauses Neukölln können Lernende den Umgang mit der neuen Online-Plattform trainieren. Sie finden dort Übungen, die auf den Curricula der im Unterricht eingesetzten Lehrwerke basieren, und können kursbegleitend weiterlernen.

"Grundbildung ist für mich ein Herzstück von Volkshochschule. Uns geht es um Bildung für alle. Mir ist es sehr wichtig, etwas für jene zu tun, die sich nicht selber helfen können", sagt Nikola Amrhein. Sie hofft, dass der Lehrgang dauerhaft öffentlich gefördert wird - auch über die Nationale Dekade hinaus. Im Sinne der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Und auch im Sinne des zwölfköpfigen Teams, zu dem unter anderem auch zwei Sozialpädagogen und eine Dozentin für Lernberatung gehören.

Zum Weltalphabetisierungstag bekräftigen die Volkshochschulen in Deutschland jährlich ihre Forderung nach besserer staatlicher Regelförderung von Angeboten zur Alphabetisierung und Grundbildung, um mehr Menschen die Teilnahme zu ermöglichen. "Die dramatisch hohe Zahl von funktionalen Analphabeten verlangt nach bildungspolitischen Anstrengungen in einer völlig neuen Dimension", betont DVV-Direktor Aengenvoort. "Wir brauchen neben Projektförderungen ein starkes, staatliches Förderinstrument, das in der Lage ist, dieses große gesellschaftliche Problem zu lösen und für den Einzelnen den Anspruch auf Grundbildung einzulösen."

2017 nahmen bundesweit rund 116.000 Menschen an Volkshochschulkursen im Programmbereich Grundbildung teil, darunter rund 40.000 Personen an Kursen zu Alphabetisierung und Elementarbildung, knapp 14.000 an Kursen in Rechnen und Mathematik.

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Bildnachweise

  • Lernhaus, vhs Berlin-Neukölln
  • Deutscher Volkshochschul-Verband
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