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Deutscher Volkshochschul-Verband

Medienbildung in der digitalisierten Gesellschaft – ein Auftrag für die Weiterbildung

Namensbeitrag von A. Kramp-Karrenbauer und Dr. E. D. Rossmann

16.12.2016

von Annegret Kramp-Karrenbauer, Präsidentin des Deutschen Volkshochschul-Verbandes e.V. (DVV)
und Dr. Ernst Dieter Rossmann, MdB, Vorsitzender des DVV

„Alles veloziferisch!“, klagte schon Goethe über die Unübersichtlichkeit seiner Zeit, als deren Signatur er die Beschleunigung sämtlicher Lebensbereiche erkannte. Wer zu Kulturpessimismus neigt, kann angesichts der Herausforderungen, vor die uns die Digitalisierung stellt, schnell zu einem ähnlichen teuflischen Urteil kommen: Cybermobbing, Datenspionage, hate speech und der „gläserne Mensch“ sind nur einige der Schlagworte, welche die dunkle Seite des digitalen Fortschritts ansprechen. Wer allerdings Lösungsansätze für die Ambivalenzen in der Nutzung digitaler Technologien anbieten will, muss weiter denken.

Gesellschaftliche Teilhabe als Ziel lebenslangen Lernens

Die Möglichkeit und die Befähigung, digitale Medien souverän, selbstbestimmt und verantwortungsbewusst zu nutzen, ist ein Schlüssel zu gesellschaftlicher Teilhabe. Deshalb gehört die Nutzung digitaler Technologien, aber auch das Wissen um die Risiken, die kritische Reflexion von Inhalten oder das Verstehen der zugrunde liegenden Algorithmen zu einer Medienbildung, die nicht mit der Schulzeit enden kann, sondern Teil aller formalen und non-formalen Bildungsbereiche werden muss. Nur wenn es gelingt, Medienbildung zum integralen Bestandteil lebensbegleitenden Lernens zu machen, kann die Partizipation aller Bürgerinnen und Bürger an gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen ermöglicht werden. Hier dürfen weder Herkunft noch finanzielle Möglichkeiten eine Rolle spielen, und auch bei Unterbrechungen in der Bildungsbiografie muss es jederzeit möglich sein, sich die entsprechenden Kompetenzen anzueignen.

Die Weiterbildung in den Fokus

Entsprechend hat die Bundesregierung in ihrer kürzlich veröffentlichten Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft als strategischen Anspruch formuliert, über die Vermittlung „digitaler Kompetenz“ die Voraussetzungen dafür zu schaffen, „dass sich alle Menschen in Deutschland in der digitalen Welt sicher und verantwortungsbewusst bewegen, erfolgreich in der digital geprägten Arbeitswelt handeln und am gesellschaftlichen und politischen Leben teilhaben.“

Diese Initiative ist richtig und wichtig, niemand wird gegen die Zielsetzungen Einwände erheben. Es fällt jedoch auf, dass diese Strategie mit den bisher geplanten Maßnahmen deutlich hinter ihren eigenen Ansprüchen zurückbleibt. Anstelle der angekündigten digitalen Ertüchtigung der Menschen in der gesamten Bildungskette liegt der Fokus eindeutig auf dem Schulbereich. Die allgemeine und politische Weiterbildung bleiben weitgehend ausgespart.

Dabei kann und muss die Weiterbildung mit ihren Angeboten des Lebenslangen Lernens eine bedeutende Rolle spielen, um die gesellschaftlichen Herausforderungen des digitalen Wandels zu bewältigen. Grundsätzlich müssen Lernende jeden Alters dabei unterstützt werden, sich Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien und neuen Technologien anzueignen und diese dann auch in Einklang mit den technologischen und kommunikativen Innovationen immer wieder zu aktualisieren. Auch kann die Weiterbildung insbesondere jenen, die keine Digital Natives sind, also ältere Menschen, aber auch Berufsrückkehrer, Erwerbslose oder Menschen mit Grundbildungsbedarf, zu neuen Chancen verhelfen. Mit einem Mal können Bildungsangebote genutzt werden, die bisher mangels Medienkompetenz nicht zugänglich waren. Neues Lernen für traditionell bildungsferne Menschen und neue Gruppen an Lernenden wie z.B. Migranten wird möglich, weil sich das Lernsetting didaktisch und methodisch erweitert und damit eine bessere Differenzierung der Lernwege sowie flexiblere, auf die Lernenden individuell zugeschnittene Zugänge ermöglicht. So trägt Weiterbildung dazu bei, die digitale Spaltung zu überwinden und zu verhindern, dass große Personengruppen im dynamischen Prozess des digitalen Wandels abgehängt werden.

Der neue Bildungsauftrag und die erweiterten Lernwelten

Auf dem Volkshochschultag 2016, der ganz im Zeichen der Digitalisierung aller Lebensbereiche stand, plädierte der Tübinger Medienwissenschaftler Prof. Dr. Bernhard Pörksen für eine „Digitale Aufklärung“, die allen Bürgern zuteil kommen müsse. Er forderte die Vermittlung von weitreichenden digitalen Kompetenzen und diagnostizierte diesbezüglich einen „noch gar nicht verstandenen Bildungsauftrag“, der auch an die Erwachsenenbildung zu adressieren ist. Tatsächlich haben sich viele Erwachsenenbildungsträger schon auf den Weg gemacht, von sich aus an dieser Bildungsoffensive mitzuwirken, die auf breite gesellschaftliche Teilhabe am digitalen Wandel zielt.

Beispielhaft hierzu die Volkshochschulen: Als breit aufgestellter kommunaler Bildungsträger in Deutschland bündeln sie ihre Anstrengungen in einer Strategie der erweiterten Lernwelten, mit der klassische Formen der Erwachsenbildung in Didaktik und Methodik eben nicht ersetzt, sondern qualitativ erweitert und um einen neuen digitalen Lern- und Bildungsansatz erweitert werden sollen. Damit diese erweiterten Lernwelten voll wirksam werden können, bedarf es eines komplexen Organisationsentwicklungsprozesses und des Aufbaus von nachhaltigen Strukturen. Dazu zählen eine leistungsfähige digitale Infrastruktur (Internetanbindung, WLAN, Support), eine angemessene IT-Ausstattung (Endgeräte, Software-Lizenzen, moderne Präsentationstechnik), der Zugang zu digitalen Lehr- und Lernmedien und freien Lern- und Lehrmaterialien (OER) sowie die Klärung der damit verbundenen rechtlichen Rahmenbedingungen (Datenschutz, Datensicherheit, Urheberrecht).

Insbesondere bei der Qualifizierung des pädagogischen Personals werden erhebliche Anstrengungen erforderlich, damit sowohl die hauptamtlichen pädagogischen Mitarbeiter-/innen im Management der Erwachsenenbildung wie auch die Kursleitenden für die Gestaltung digital gestützter Angebote mit dem erforderlichen didaktisch–methodischen Rüstzeug ausgestattet werden. Dazu zählen die Bereitstellung einer digitalen Kommunikations- und Lernplattform, Fach- und Prozessberatung zur Erarbeitung von Medienkonzepten und zur Entwicklung und Erprobung digital gestützter Kurs- bzw. Unterrichtskonzepte im Rahmen sog. „Digicircles“.

Öffentlicher Auftrag und staatliche Verantwortung

Was also ist zu tun? Wer den Fortschritt dem Teufel zuschlägt, hat schon vor ihm kapituliert. Wir müssen vielmehr alle Anstrengungen auf uns nehmen, die Gestaltungshoheit über den digitalen Wandel nicht aus den Händen zu geben. Damit die Weiterbildungsträger diese Aufgabe zügig und qualitativ hochwertig angehen können, sind sie auf staatliche Unterstützung angewiesen. Denn wenn es gelingen soll, die Chancen des digitalen Wandels allen Menschen in allen Abschnitten ihrer persönlichen Bildungsbiographie nahezubringen, bedarf es starker und gut vorbereiteter Bildungsträger.

Der vom Bund geplante Infrastrukturpakt mit den Ländern muss daher auch die Weiterbildung mit einschließen.

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

  • Kühnapfel Fotografie;
  • Kühnapfel Fotografie;

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