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Von Brexit bis Street Art: Europäisch lernen an der Volkshochschule

Weiterbildung für Europa in Baden-Württemberg

Von Dr. Julia Gassner

Wenn ich an Europa denke…“ – „…dann denke ich an Freiheit“, „…dann freue ich mich, dass ich hier lebe und hoffe, dass es die Bürokraten nicht kaputt machen“, „…denke ich an Überregulierung – Bevormundung – Überschuldung“, „…finde ich es klasse, Europäerin zu sein“. Diese Gedanken, festgehalten auf Postkarten und präsentiert in Treppenhäusern und Foyers von Volkshochschulen, sind sichtbare Ergebnisse der Initiative „Volkshochschulen für Europa“, die der Volkshochschulverband Baden-Württemberg im Herbst 2016 ins Leben gerufen hat.

Europa als Bildungsaufgabe

Der Verband hat Europa als Bildungsaufgabe definiert: Nur wer versucht, das Projekt Europa in seiner historischen Dimension zu verstehen, kann Vor- und Nachteile abwägen und eine eigene Haltung dazu entwickeln. „Spätestens die Brexit-Diskussion hat uns allen offenbart, dass wir weitestgehend vergessen haben, wozu die Europäische Union eigentlich gut ist.

Die wahrhaft historische Leistung der Befriedung Europas überzeugt uns nicht mehr, weil wir uns an den mehr als angenehmen Frieden in Freiheit schon nach gut siebzig Jahren wie selbstverständlich gewöhnt haben. Und die zweite große Leistung des wirtschaftlichen Wohlstands fällt als rechtfertigende Leistung neuerdings aus, weil sie durch die Finanzkrise in erhebliche Zweifel geraten ist“, schreibt Verbandsdirektor Dr. Hermann Huba in der der Initiative zugrundeliegenden Konzeption. Als offene, flächendeckend vertretene, parteipolitisch neutrale und inhaltlich breit aufgestellte Einrichtungen sind Volkshochschulen ideal, um diese Bildungsaufgabe anzugehen. Volkshochschulen thematisieren „Europa“ in den verschiedensten Facetten: Von Sprachkursen über politische und kulturelle Bildung bis hin zur europäischen Dimension beruflicher Qualifizierung und Weiterbildungsberatung. Die Postkarten sind daher nur ein Bestandteil der Initiative. Im Mittelpunkt stehen Veranstaltungen an Volkshochschulen – und zwar aus allen Programmbereichen.

Ein erster Überblick knapp ein Jahr nach dem Start der Initiative zeigte, dass ein Schwerpunkt der Angebote auf politischen Themen liegt: Der Brexit, das Verhältnis zu den USA oder die Wahlen in Frankreich wurden von mehreren Volkshochschulen aufgegriffen. Neben Vorträgen und Podiumsdiskussionen probierten sie dabei auch neue Formate aus:

Nur wer versucht, das Projekt Europa in seiner historischen Dimension zu verstehen, kann Vor- und Nachteile abwägen und eine eigene Haltung dazu entwickeln. „Spätestens die Brexit-Diskussion hat uns allen offenbart, dass wir weitestgehend vergessen haben, wozu die Europäische Union eigentlich gut ist.

Volkshochschul-Verband Baden-Württemberg e.V.

Praxisbeispiel der vhs Heidelberg

Die vhs Heidelberg entwickelte das Format 20/40. Zum Thema „Europa nur mit uns! Bürgerbeteiligung als Chance für die Europäische Union?“ folgte auf den 20-minütigen Impuls der Vertreterin einer NGO (Cora Pfafferott von Democracy International Köln) ein 40-minütiger Vortrag aus der Wissenschaft (Prof. ­Mathias Jopp vom Institut für Europäische Politik Berlin). Der Ansatz, zwei unterschiedliche Positionen vorzustellen, führte im Anschluss zu einer Diskussion, die länger dauerte als erwartet.

Breites Spektrum an Veranstaltungen

Darüber hinaus machen die Volkshochschulen „Europa“ auch bei Themen sichtbar und erlebbar, bei denen es weniger nahe liegt als in der politischen Bildung. Sie holen das ferne Europa in jede Gemeinde, machen das abstrakte Thema mit konkreten Angeboten verständlich und sprechen Bürgerinnen und Bürger auf ganz unterschiedliche Art und Weise an. Dieser vielfältige und fächerübergreifende Ansatz liegt auch dem Projekt „Europa begegnen“ zugrunde, für das der Volkshochschulverband Baden-Württemberg eine Förderung vom Kultusministerium Baden-Württemberg erhielt. 200 Europa-Veranstaltungen werden im Rahmen des Projekts gefördert. Und die Warteliste ist inzwischen lang.

Praxisbeispiel der vhs Baden-Baden

An der vhs Baden-Baden gab der Leiter des örtlichen Gartenamts in seinem Vortrag „Die Geschichte der europäischen Gartenkunst“ einen kunst- und kulturhistorischen Überblick über die Entwicklung der Gartenkunst seit der Antike. Von den Barockgärten in Frankreich, über die englischen oder die Kurgärten des 19. Jahrhunderts bis hin zu den modernen Gartenanlagen: Es wurde deutlich, dass sich viele Impulse schnell über den ganzen Kontinent verbreiteten und so Europa als einheitlicher Kulturraum sichtbar wurde.

Volkshochschulen lassen sich etwas einfallen

Doch nicht nur Vorträge, Diskussionen oder Studienfahrten befassen sich mit Europa. Die Volkshochschulen tragen europäischen Geist auch mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen in ihre Gemeinden.

Praxisbeispiel der vhs Oberndorf

An der VHS Oberndorf entstanden zwei Kunstobjekte zum Thema Europa. Sie wurden bei einer Vernissage in Anwesenheit des Bürgermeisters feierlich enthüllt.

Ebenfalls in Oberndorf marschierten rund 90 Teilnehmende aus Gesundheitskursen beim „Walk für Europa“ durch die Stadt. Sie trugen weiße T-Shirts mit dem Logo „vhs für Europa“, um ein Bekenntnis zu Europa und seinen Werten abzulegen. Am Ziel wurden sie vom Ersten Beigeordneten der Stadt begrüßt, der daran erinnerte, dass Europa im Kleinen anfange, bei Städtepartnerschaften oder eben vhs-Veranstaltungen.

Praxisbeispiel der vhs Backnang und Unteres Remstal

Rund 40 Teilnehmende der vhs Backnang und Unteres Remstal fuhren im Juni 2016 nach Straßburg. Nicht nur eine Stadtführung, sondern auch ein Besuch des Europaparlaments standen auf dem Programm. Sie diskutierten dort mit Rainer Wieland, Vizepräsident des Parlaments. Es ging u.a. um den Feinstaub in Stuttgart, das Image der Abgeordneten und um die Frage, was Länder voneinander lernen könnten. Im Plenum erlebten die Besucher, wie die Abgeordneten in zwei Minuten Redezeit ihre Positionen darstellen müssen und alles simultan in 24 Sprachen gedolmetscht wird.

Initiative stößt auf Interesse in der Landespolitik

Auch in der Landespolitik ist die Initiative „vhs für Europa“ inzwischen gut bekannt: Fast die Hälfte der Landtagsabgeordneten und Mitarbeitende von Ministerien schickten ihre Postkarte „Wenn ich an Europa denke…“ ein.

Anlässlich der Europawahl 2019 ist eine Zusammenarbeit mit dem Ministerium der Justiz und für Europa in Vorbereitung. Es zeigt sich: „Volkshochschulen für Europa“ ist kein kurzfristiges Projekt, sondern eine langfristige Zukunftsaufgabe.

Dr. Julia Gassner ist Bildungsmanagerin „Kultur – Gestalten“ beim Volkshochschulverband Baden-Württemberg e.V.

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise

  • Volkshochschulverband Baden-Württemberg
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