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Über die Bedeutung politischer Bildung

Heute wie vor 100 Jahren: Volkshochschulen sind Orte gelebter Demokratie

Von Annegret Kramp-Karrenbauer

Vor 100 Jahren entstand mit der Weimarer Republik das erste demokratische Staatswesen auf deutschem Boden. Als Grundlage dieser Republik wurde 1919 die Weimarer Reichsverfassung beschlossen. In deren Artikel 148 heißt es: „Das Volksbildungswesen, einschließlich der Volkshochschulen, soll von Reich, Ländern und Gemeinden gefördert werden.“

Dieser Verfassungsrang löste vor 100 Jahren unmittelbar eine regelrechte Gründungswelle von Volkshochschulen aus. Volkshochschulen und Demokratie gingen damals eine wichtige Verbindung ein. Demokratie braucht Demokraten. Und dafür braucht es demokratische Bildung. Diese Erkenntnis stand am Beginn der Volkshochschulen. Diese Erkenntnis stand bei der Wiedergründung der Volkshochschulen nach der menschenverachtenden Barbarei des Nationalsozialismus. Diese Erkenntnis stand auch beim Neuanfang der Volkshochschulen in den neuen Bundesländern in den 1990er Jahren.

Volkshochschulen stehen bis heute für das Recht auf Bildung – und zwar für alle Menschen, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Herkunft, sozialem Status oder Bildungsabschluss, Religion oder Weltanschauung. Sie sind Orte des Lernens, der Bildung, aber auch der Begegnung und des respektvollen Austauschs.

Bei meinen Besuchen von Volkshochschulen bin ich jedes Mal wieder begeistert, wie breit die Angebote sind: politische und kulturelle Bildung, Sprach- und Integrationskurse, Gesundheitsbildung, berufliche Weiterbildung und gezielte Angebote der Arbeitsförderung, die sogenannte nachholende Grundbildung und Möglichkeiten des zweiten Bildungswegs – all das geschieht jeden Tag, an rund 900 Volkshochschulen, überall in Deutschland. Neun Millionen Kursteilnahmen jährlich zeigen: Auch mit 100 Jahren sind die Volkshochschulen in Deutschland frisch und lebendig.

Die Arbeit der Volkshochschulen gründet auf der Überzeugung, dass Bildung Chancen eröffnet, Chancen für jeden Einzelnen, voranzukommen, sich einzubringen und das Beste aus seinem Leben zu machen. Von diesen Chancen profitiert nicht nur jeder für sich, von diesen Chancen profitiert unser ganzes Land, von diesen Chancen profitieren unsere Gesellschaft und unser Zusammenhalt. Volkshochschulen sind damit weit mehr als Lernorte, sie sind sichtbares Zeichen der Chancenrepublik Deutschland.

Ganz besonders die politische Bildung leistet hier einen wichtigen Beitrag. Politische Bildung stärkt die Urteilskraft der Menschen und sie motiviert dazu, sich einzubringen und an demokratischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen teilzunehmen. Demokratie lebt davon, dass Beteiligung weit über die Stimmabgabe am Wahltag hinausgeht. Im Engagement möglichst vieler Menschen erfährt Demokratie ihre Legitimation.

Politische Bildung soll motivieren und ermuntern

Politische Bildung stärkt unsere Demokratie nicht allein dadurch, dass sie Menschen über politische und demokratische Prozesse aufklärt. Politische Bildung hat auch die Aufgabe zu motivieren und zu ermuntern.

Wer versteht, wie sich politische Entscheidungen auf die eigene ganz konkrete Lebenssituation auswirken, der hat eine höhere Motivation, selbst mitzumachen. Das gilt ganz besonders für das ganz konkrete Lebensumfeld – im eigenen Stadtteil, in der eigenen Gemeinde, im eigenen Dorf. Hier werden tagtäglich viele politische Entscheidungen getroffen, von der Verkehrsplanung und dem Städtebau über kulturelle Angebote bis hin zum Ausbau der Kinderbetreuung. Das Thema Bürgerbeteiligung und die Frage, wie man sie wirkungsvoll organisiert, stehen in den Städten, Gemeinden und Landkreisen in Deutschland seit mehreren Jahren ganz weit oben auf der Agenda. Viele Kommunen haben bereits innovative Formate erprobt und damit Vertrauen in demokratische Prozesse gestärkt. Oft spielen die Volkshochschulen als kommunale Weiterbildungszentren dabei eine Schlüsselrolle.

Es macht mich stolz, wie einfallsreich Volkshochschulen bei der Entwicklung neuer, zeitgemäßer Dialogformate sind, und wie unbeirrbar sie populistischer Versuchung trotzen und stattdessen den Austausch auf solide politische Bildung gründen. Volkshochschulen beweisen, dass man die konstruktive Kontroverse erlernen kann und erlernen muss. Volkshochschulen beweisen, dass demokratisches Engagement eine dauernde Aufgabe und damit Bestandteil des lebenslangen Lernens ist. Nicht von Ungefähr hat die Bundesregierung im Sommer 2018 die Volkshochschulen in Deutschland als Partner für die Bürgerdialoge zur Zukunft Europas ausgewählt.

Vier Leitmotive

Die Volkshochschulen stehen in einer langen Tradition, die demokratische Bildung, „Einmischung“ jedes Einzelnen und das tägliche demokratische Ringen um gute Lösungen zum Leitbild einer Erwachsenenbildung erklärt, die dem Gemeinwohl dient und unsere freiheitliche Grundordnung mit Leben füllt. Vier Grundideen möchte ich skizzieren, die für die Arbeit der Volkshochschule bis heute leitend sind:

  1. Volkshochschulen sind geeignete Orte, um in der Kommune Diskussions- und Dialogprozesse anzuregen und diese zu moderieren. Sie sind Orte der Begegnung direkt vor Ort: in unseren Städten, Landkreisen und Gemeinden. Demokratie lebt davon, dass Menschen miteinander im Austausch sind, dass sie auch bei unterschiedlichen Meinungen im Gespräch sind. Demokratie funktioniert nicht in einem Gegeneinander, auch nicht in einem Nebeneinander. Deshalb braucht es Orte, an denen Menschen mit ganz unterschiedlichen Auffassungen, Prägungen und Hintergründen zusammenkommen können. Die Volkshochschulen wollen solche Orte sein. Hier soll es kontroverse Diskussionen geben, hier sollen gemeinsame Ideen entwickelt werden. Dabei geht es für die Volkshochschulen nicht darum, Partei zu ergreifen, sondern darum, Menschen zu befähigen, sich eine Meinung zu bilden, eigene Interessen zu formulieren und diese umzusetzen.
  2. Volkshochschulen widmen sich selbstverständlich dem theoretischen Erkenntnisprozess. Aber genauso verstehen sich Volkshochschulen als Einrichtungen, die zum Handeln, zum Engagement und zum Einmischen motivieren. Volkshochschulen unterstützen und begleiten Menschen, die sich zivilgesellschaftlich engagieren, und qualifizieren für ehrenamtliche Tätigkeiten; das alles nicht auf irgendeiner abstrakten Ebene, sondern ganz konkret vor Ort.
  3. Volkshochschulen sind offen für alle Bürgerinnen und Bürger, die sich einbringen wollen. Sie richten sich nicht an einen exklusiven Adressatenkreis. Die grundsätzliche Offenheit für Menschen aller sozialen Schichten und Einkommensgruppen, aller Milieus und Kulturen, für Menschen mit unterschiedlichen persönlichen Voraussetzungen und Meinungen ist wesentliches Merkmal der Arbeit der Volkshochschulen. Damit folgen sie dem demokratischen Anspruch, dass jeder als Bürger gleich viel zählt.
  4. Volkshochschulen sind Orte für den öffentlichen Austausch und auch für Gespräche mit politischen Entscheidungsträgern. Mit diesem Anspruch wenden sich Volkshochschulen auch bewusst an die Öffentlichkeit, sie verstehen sich damit auch als Träger öffentlicher Debatten. Beispielhaft dafür stehen Bürgerdialoge, die in den vergangenen Jahren oftmals bundesweit koordiniert und im ganzen Land angeboten wurden.

Spiegel gesellschaftlicher Veränderung

So leitend und traditionsbildend diese vier Grundideen sind, so klar ist auch: Politische Bildungsarbeit an Volkshochschulen ist einem ständigen Wandel unterworfen, sie ist immer in Bewegung und muss auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen reagieren. So bilden beispielsweise derzeit Themen wie der Klimawandel oder die gesellschaftspolitische Dimension der Digitalisierung einen Schwerpunkt des Programmbereichs Politik und Gesellschaft. Verstärkt gehört auch die Beschäftigung mit den globalen Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals) und den damit verbundenen Themen wie Armut, Welternährung, globale Gerechtigkeit, Frieden und Menschenrechte dazu.

In einer globalisierten Welt ist klar: Demokratische Bildung kann nicht an den eigenen Grenzen enden, es braucht zur Gestaltung einer guten Zukunft einen globalen Blick über die nationalen und europäischen Grenzen hinaus. Volkshochschulen kooperieren dabei mit Universitäten, Nichtregierungsorganisationen oder lokalen Vereinen und Initiativen, um Bürgerinnen und Bürger mit Experten und politischen Entscheidungsträgern ins Gespräch zu bringen.

Ein besonderer Auftrag demokratischer Bildung ist für die Volkshochschulen in den vergangenen Jahren durch die vielen Menschen hinzugekommen, die, aus welchen Gründen auch immer, nach Deutschland zugewandert sind. Als Orte der Integration und der Wertevermittlung leisten die Volkshochschulen einen unschätzbaren Beitrag. Integration und Zusammenhalt können nur dann erfolgreich sein, wenn demokratische Regeln und gemeinsame Werte auf dem Boden unseres Grundgesetzes den Bezugspunkt für das Miteinander in unserem Land bilden.

"Werkstätten der Demokratie"

Als „Werkstätten der Demokratie“ hat der frühere Bundespräsident Joachim Gauck die Volkshochschulen bezeichnet. Im Jubiläumsjahr 2019 wollen die Volkshochschulen und ihre Verbände diese Rolle besonders unterstreichen und die Bedeutung politischer Bildung in den Fokus rücken. Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts werden bundesweit das Kursprogramm im Herbstsemester prägen.

Volkshochschulen als demokratische Orte des Lernens sind heute wichtiger denn je. In Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und ausdifferenzierter Milieus, in Zeiten technologischen Fortschritts und kommunikativer Umwälzungen durch die sozialen Medien, in Zeiten einer immer weiter zusammenwachsenden Welt und neuer Herausforderungen demokratischer Gesellschaften braucht es mehr denn je Orte, die mit lebensbegleitender Bildung zur demokratischen Gestaltung unserer Gesellschaft beitragen. Dies ist der bleibende Auftrag der Volkshochschulen: Demokraten stärken, um die Demokratie zu stärken.

ist Präsidentin des Deutschen Volkshochschul-Verbandes e.V.

Annegret Kramp-Karrenbauer

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