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Deutscher Volkshochschul-Verband

Auf dem Mittellandkanal unterwegs für Europa

Die vhs Minden lädt Jugendliche zur Diskussion ins Boot

Von Marco Düsterwald

Jendrik Peters (l.) und Marco Düsterwald (r.) mit Paula Horstmann, die die Ergebnisse des Veranstaltung in einer Sketch Note grafischfestgehalten hat.

Die Partizipation von Jugendlichen im europäi­schen Kontext zu erhöhen, ist schon lange Ziel der politischen Bildung. Die Frage, wie eben jene Partizipation didaktisch erreicht werden kann, ist ebenso lange Gegenstand der Diskussion. Deutlich wird, dass es eine Vielzahl unterschiedlichs­ter Methoden und Techniken gibt, komplexe gesell­schaftliche Zusammenhänge darzustellen, um hier­mit die Grundlage von Teilhabe zu legen.

Dennoch bleibt die Frage unbeantwortet, wie wirk­sam politische Bildung ist. Auch deshalb, weil soziale Systeme emergent sind und Bildung ein selbstrefe­renzieller Akt ist. Wir können mit unserer Bildungs­arbeit mit Jugendlichen einen Grundstein für eine Analogie setzen: Durch Verstehen kann Verständnis entstehen, durch Verständnis kann Identifikation ent­stehen und hierdurch eventuell Teilhabe. In diesem Kontext ist das hier beschriebene Projekt: „Europa 2019 – Alle in einem Boot!?“ zu verstehen. Die Idee ist angelegt an das Veranstaltungskonzept „Mit der Tram durch…“ der Zentralstelle für Politischen Jugendbil­dung beim DVV.

100 Jugendliche auf dem Schiff

Um junge Menschen für ein Projekt dieser Art gewin­nen zu können, braucht die Volkshochschule einen engagierten Partner aus dem schulischen Bereich. Diesen fanden wir mit dem Herder-Gymnasium Minden. Die Zusammenarbeit der vhs Minden/Bad Oeynhausen mit vielen Schulen in der Stadt Min­den und dem Kreis Minden-Lübbecke hat eine lange Tradition. Ein klares Zeichen für eine synergetische Kooperation der an Bildung beteiligten Institutio­nen. Damit das Projekt „Europa 2019 – Alle in einem Boot!?“ gelingen konnte, waren in den Vorgesprä­chen die folgenden Punkte besonders wichtig:

  • Wahl eines ungewöhnlichen Veranstaltungsortes
  • direkte Gespräche mit Fachleuten
  • Expert*innen mit breiter thematischer Vielfalt
  • Bezug zur Lebenswelt der Jugendlichen

Auch galt es zu vermeiden, dass es, statt der ge­wünschten Gespräche, eher zu einem Vortrag sei­tens der versierteren Expert*innen kommt. Daher entschieden wir uns für einen weiteren vorbereiten­den Schritt und bildeten einige Schülerinnen und Schüler zu „Coaches“ aus. Diese wurden fachlich und kommunikativ geschult, um nachher auf dem Schiff die Gespräche zu moderieren. Sie sollten dafür sor­gen, dass kontroverse Fragen gestellt werden und ein echtes Gespräch zustande kommen kann. Dieser Schritt erwies sich in der Umsetzung als völlig richtig.

Warum nun also ein Schiff?

Die metaphorische Relevanz ergibt sich aus der Aktu­alität europäischer Politik und Geschichte. Selten war das Schiff ein so starkes Symbol der Ambivalenz eu­ropäischer Identität: Ein ungeklärtes EU-außenpoliti­sches Verhalten angesichts der Fluchtbewegungen über das Mittelmeer, ein Mitglied der EU, das sprich­wörtlich das Schiff verlassen will, und viele Versuche, aus etwas Gemeinsamen etwas Segregiertes zu ma­chen. Es drängt sich die Frage auf, wohin das Schiff „Europa“ steuern wird. Darüber hinaus ist Minden bekannt für sein Wasserstraßenkreuz von Weser und Mittellandkanal und so seit jeher bedeutsam für Han­del und kommunikativen Austausch. Beides Bilder, mit denen sich diese Veranstaltung gut gestalten ließ.

Vorbereitung und Zeitmanagement sind das A und O

Ein außergewöhnliches Setting für eine Veranstal­tung politischer Bildung zu wählen, sorgt dafür, dass sich Teilnehmende anders auf die Gesprächssituation einlassen können. Das wurde in diesem Projekt sehr deutlich. So war nicht zu befürchten, dass Teilneh­mende wie Impulsgeber sich vorschnell verabschie­den konnten – für den stringenten Ablauf war das sehr wichtig, denn aufgrund der engen zeitlichen Taktung war kein Spielraum für Unerwartetes.

Auch die Zeitpläne der anwesenden Expertinnen und Experten mussten eingehalten werden. Da je­weils nur ein Besuch an zwei Tischen eingeplant war, kamen nicht alle Teilnehmenden mit allen Expert*in­nen ins Gespräch. Gerade dies führte aber zu einer besseren Konzentration an den Tischen, die durch die vorher ausgebildeten Coaches gut moderiert und eingeführt wurden.

Überhaupt erwies sich deren Präsenz für ein solches Format in dieser Größenordnung als unabdingbar, denn eine Person allein hätte es nicht bewältigt, die Diskussionen an allen Tischen adäquat in Gang zu setzen. Weil sich die Coaches vorher intensiv mit den Themen auseinandergesetzt hatten, verliefen die ein­zelnen Gespräche intensiv und lehrreich. Das zeigt, dass sich mit entsprechender Vorbereitung auch die Komplexität einer Veranstaltung mit über 100 Teil­nehmenden erfolgreich managen lässt.

Abgerundet wurde die Veranstaltung noch durch ein spannendes Rahmenprogramm. So präsentierten die Schülerinnen und Schüler des Herder-Gymnasiums einen Rap-Workshop und einen Poetry-Slam. Auch für das leibliche Wohl hatten die Jugendlichen mit der Vorbereitung des Caterings selbst gesorgt.

Erfahrungen und Fazit

Nicht nur die Jugendlichen gaben positive Rückmel­dungen. Auch die Expertinnen und Experten waren durch die Bank von der Intensität der Diskussionen beeindruckt. Der Zeitplan konnte auf die Minute ge­nau eingehalten werden, und das Schiff als Metapher hatte auf alle Anwesenden die gewünschte Wirkung.

Trotz dieser durchweg positiven Resonanz ist das Format auch kritisch zu hinterfragen, denn die Fahrt mit einem dieselbetriebenen Schiff ist angesichts der diskutierten Inhalte – europäische Zukunftsthemen, Klimawandel, ökologische Herausforderungen oder nachhaltiges Leben – kritisch zu sehen, zumal Start-und Zielpunkt identisch waren. Dieser Aspekt sollte zukünftig bei der Vorbereitung solcher Veranstaltun­gen mitbedacht werden. Für uns selbst kamen wir zu dem Schluss, dass es sich bei diesem Widerspruch um ein Sinnbild der Ambivalenz unseres Lebens han­delte. Einerseits schaffen wir saubere, „hippe“ Innen­städte durch Öko-Bewusstsein und (Fahrrad-)Elekt­romobilität, auf der anderen Seite kümmern wir uns aber kaum um die ökologische Gesamtbilanz bei der Batterieproduktion oder -verwertung. So kann die Fahrt mit dem dieselbetriebenen Schiff zwar als nicht nachhaltig (und somit nicht gut) angesehen werden, zugleich zeigt sie aber zumindest sehr deutlich auf, wie selektiv unsere Wahrnehmung funktioniert – auch das ein Lerneffekt.

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  • vhs Minden

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