Inhalt anspringen

Deutscher Volkshochschul-Verband

Wie gelingt Integration in den Arbeitsmarkt?

Ein Plädoyer für den zweiten Bildungsweg von Monika Nickels, Leiterin der Kreisvolkshochschule Mainz-Bingen. Aus ihrer Sicht brauchen Geflüchtete solide Ausbildung statt schneller Beschäftigung.

Über die strategische Ausrichtung der Arbeitsmarktprogramme für Geflüchtete informierte Friedhelm Siepe, Geschäftsführer „Integration und Fördern“ bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) im Mitgliederrat des Deutschen Volkshochschul-Verbandes (Dezember 2017). Er bedankte sich bei den Volkshochschulen, die eine zentrale Rolle in der Sprachenbildung der Zugewanderten einnehmen.

Siepe stellte deutlich heraus, dass aus Sicht der Bundesagentur Geflüchtete zukünftig zügiger und nach Möglichkeit parallel zur Deutschförderung beruflich qualifiziert werden müssten. Strategie der Arbeitsagenturen sei es, sprachliche Bildung und Qualifizierung für das Erwerbsleben so miteinander zu verzahnen, dass daraus eine optimal auf die Bedarfe des Geflüchteten zugeschnittene Weiterbildung entstünde. Laut Siepe rechnet die Bundesagentur mit rund 350.000 Geflüchteten im SGB II-Bezug und damit im Zuständigkeitsbereich der Jobcenter. Eine grundlegende Kompetenzfeststellung zu Alphabetisierung und Sprachstand solle bereits in den Ankunftszentren erfolgen. In den Jobcentern gelte es, die beruflichen Neigungen und Qualifikationen abzufragen. Laut Siepe verfügen 60 Prozent der ankommenden Flüchtlinge nicht über eine formale Berufsausbildung, bringen jedoch oft Berufserfahrung und non-formale Qualifikationen mit, deren Verwertbarkeit in Praktika ausgelotet werde, um zu einer individuellen Weiterbildungsstrategie zu gelangen.

Eine frühzeitige Berufsorientierung stieß bei den Delegierten des Mitgliederrates grundsätzlich auf Zuspruch. Etliche Delegierte gaben jedoch zu bedenken, dass bei Geflüchteten vielfach die Voraussetzungen für eine qualifizierte berufliche Bildung fehlten und für sie daher nur Beschäftigungen im Niedriglohnsektor zugänglich seien. Anknüpfend an diese Diskussion plädiert Monika Nickels, Leiterin der Kreisvolkshochschule Mainz-Bingen und Delegierte des Landesverbandes Rheinland-Pfalz im Mitgliederrat, in dem nachfolgenden Beitrag entschieden dafür, vor allem neu Zugewanderten über den Zweiten Bildungsweg die Chance auf einen Schulabschluss zu gewähren. Denn nur wer einen Schulabschluss vorweisen könne, meint Nickels, habe eine Chance auf eine berufliche Tätigkeit, die mehr ist als geringfügige Beschäftigung.

Erfahrungen aus Mainz-Bingen

Von Monika Nickels

Die Kreisvolkshochschule Mainz-Bingen hat seit zehn Jahren Erfahrungen im Integrationsbereich. Von den insgesamt 70.000 Unterrichtsstunden im Jahr 2015 entfielen gut 45.000 auf diesen Bereich. Das Angebot reicht von der Sprachförderung in Kita und Schule bis zu Integra­tionskursen, nachholenden Schulabschlüssen und arbeitsmarktrelevanten Maßnahmen.

Für die meisten Zugewanderten ist alles neu, unser Bildungssystem, die Lerninhalte, die Methoden und nicht zuletzt unsere Kultur. Wir treffen immer häufiger auch auf Menschen, die nur für eine kurze Zeit eine Schule besuchen konnten oder die über keinerlei Schulbildung verfügen. Die Selbsteinschätzung ihrer Leistungen basiert auf den Erfahrungen, die sie im Heimatland gemacht haben. Doch die Frage der Übertragbarkeit ist nicht einfach zu beantworten, denn Schulsystem und Berufsleben sind in der Regel ganz anders strukturiert als in Deutschland.

Nahezu 70 Prozent der Neuzugewanderten sind junge Männer. Die erste Euphorie, dass die Flüchtlinge unser Facharbeiterproblem kurzfristig lösen könnten, ist von der Realität überholt. Die gut Qualifizierten sind in der Minderheit, und das Gros der Flüchtlinge und Asylbewerber braucht unsere Unterstützung, um in einem geregelten Prozess den Weg in den deutschen Arbeitsmarkt zu finden. Wir werden nicht aus allen Facharbeiter, Ärzte und Ingenieure machen können, aber wir können durch gute und grundlegende Bildung Chancen bieten. Zunächst müssen wir jedoch junge Migranten davon überzeugen, dass eine Ausbildung wichtiger ist als das kurzfristige Geldverdienen.

Sprache und Ausbildung sind der Schlüssel zur Integration

Das heißt aber auch, dass wir sie auf Ausbildung und notwendige Qualifizierung vorbereiten müssen. Und dies geschieht am besten mit einer soliden sprachlichen Bildung. Langfristig haben die Zugewanderten nur mit guten Sprachkenntnissen und einer Ausbildung eine Integrationsperspektive.

Der Landkreis Mainz-Bingen setzt auf eine kohärente Sprachförderkette, die mit einer Kompetenzfeststellung beginnt. Es folgt die Zuordnung in geeignete Sprachkurse, die mindestens bis zum Sprachniveau B2 führen. Danach wird der Weg in die Ausbildung oder in Richtung Schulabschluss eingeschlagen. Wir haben an unserer Kreisvolkshochschule Projekte zum Erwerb von Schulabschlüssen initiiert, die genügend Raum für die sprachliche Entwicklung (B2) bieten und mit einem Fächerkanon arbeiten, der auch eine schulische Weiterentwicklung ermöglicht. Wer diese Schritte nicht geht, stößt schnell an seine Grenzen und hat am Ende Zeit verloren und nicht gewonnen.

Selbst große Betriebe, wie in unserem Fall Boehringer Ingelheim, drängen darauf, dass junge Flüchtlinge zunächst einen Schulabschluss machen, bevor sie eine Ausbildung beginnen. Kleinere Handwerksbetriebe haben in der Regel keinerlei Möglichkeit, während der Ausbildung schulische Lücken auszugleichen, vielmehr scheitert diese an solchen Hürden. Zur Integration der jungen Menschen in den Arbeitsmarkt brauchen wir das Engagement der Handwerksbetriebe mit der Perspektive, Auszubildende dauerhaft zu übernehmen. Ohne eine gute sprachliche und fachliche Vorbereitung kann dies nicht gelingen!

System des Zweiten Bildungswegs muss überdacht werden

Die Zahl der erwerbslosen Flüchtlinge im SGB-II-Bezug kann nur durch ein kluges Bildungsmanagement reduziert werden. Dazu gehört auch, dass wir den Zweiten Bildungsweg neu denken. Er ist für Zugewanderte oft die erste Chance auf einen Schulabschluss oder eine Ausbildung. Eine solide Grundbildung ist Voraussetzung für einen erfolgreichen Berufsweg, und sie kann nicht im Vorbeigehen erlangt werden. Die politischen Entscheidungsträger sind gut beraten, wenn sie die Expertise der Bildungsträger ernstnehmen.

Vielleicht gibt uns die neue Situation auch die Möglichkeit, den Zweiten Bildungsweg so zu gestalten, dass er als Schule für alle begriffen wird, die eine zweite Chance brauchen, als institutionelle Garantie, die mehr ist als reine Projektförderung.

Monika Nickels ist Leiterin der Kreisvolkshochschule Mainz-Bingen e.V. und Delegierte des Verbands der Volkshochschulen von Rheinland-Pfalz e.V. im Mitgliederrat des DVV.

Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass diese Seite Cookies verwendet.

Mehr erfahren ...